Warum zuhören oft wichtiger ist, als sofort eine Lösung parat zu haben

Jana gab ihrer Freundin Elvira nun schon zum x-ten Mal den Tipp sich endlich von Oliver zu trennen. Mit Engelszungen versuche sie ihr klar zu machen, dass dieser Mann ihr nicht gut tut, aber Elvira schaffte es einfach nicht sich zu trennen. Stattdessen gab sie sich ihren eigenen Mustern immer wieder hin und jammerte Jana voll, wenn es mal wieder in ihrer Beziehung krachte. Elvira war verzweifelt und Jana so langsam genervt. In Janas Augen war Oliver ein Narzisst. Für Elvira aber war Oliver ihr Mann, den sie liebt.

Auch Hauke kann davon ein Lied singen. Für ihn gilt seine Schwester Elvira als beratungsresistent. Er kommt sich vor wie eine gesprungene Schallplatte. Ständig wiederholt sich Elvira mit ihren Beziehungsproblemen, während er innerlich zumacht. Es ist immer das Gleiche, wenn sie telefonieren. Er kann es schon nicht mehr hören. Also sagt er ihr jedes Mal auch das Gleiche, wenn sie ihn mit ihren Problemen konfrontiert. „Du kennst meine Meinung“. Und Elvira antwortet wie immer mit „Ich weiß“! In diesem Zusammenhang könnte ein „ich weiß“ auch als Resignation, also Ausdruck einer großen Verzweiflung sein.

Aber verändern tut sich nichts. Die Tipps und Ratschläge bringen Elvira nicht weiter. Sie kann diese einfach nicht umsetzen. Sie weiß im Grunde, dass ihre beste Freundin und ihr Bruder recht haben, aber sie fühlt es nicht. Und es ist auch nicht ihre eigene Lösung. Stattdessen überkommt sie ein schlechtes Gewissen, gegenüber ihrem Mann Oliver. Irgendwas in ihr fühlt sich schuldig. Irgendwas in ihr hindert sie daran gut für sich zu sorgen.

Sie schafft es nicht, es irgendwem recht zu machen, während sie selber darunter leidet. Gleichzeitig hat sie aber auch das Gefühl, dass sie niemand versteht und dass es niemanden interessiert, was in ihr vorgeht. Denn alle haben immer nur Tipps und Ratschläge parat, was sie zu tun hat.

Zuhören ist eine Kunst.

Unterschiedliche Studien haben bewiesen, dass wir Menschen verlernt haben richtig zuzuhören. Mehr noch steht die These im Raum, dass wir es gar nicht gelernt haben jemandem aktiv zuzuhören. Stattdessen wurde uns beigebracht sehr lösungsorientiert zu denken und ein Problem anzugehen, getreu dem Motto „In der Kürze liegt die Würze“. Wozu sich ein Problem anhören, wenn man glaubt, dass man die Lösung kennt?

Zuhören ist empathisch

Allerdings, und das wurde auch bewiesen, dass Reden befreit. Reden hilft dabei sich zu befreien, von dem Ballast, der einen plagt. In der Gesprächstherapie nach Rogers jedenfalls wird über das Gespräch so manches Problem erkannt und auch gelöst. Denn die Einsicht kommt durchs Sprechen. Die Verarbeitung von emotionalen Erlebnisinhalten verläuft über das limbische System. Gibt es ein Gegenüber, welches zuhört, dann hat derjenige, der sich offenbart gleichzeitig das Gefühl, er wird verstanden.

Erlebtes will ausgedrückt werden

Jeder Mensch verfügt über ein Selbstkonzept. Und jeder Mensch hat eine gewisse Aktualisierungstendenz, d.h. Erlebtes will verarbeitet werden. Verarbeitung erfolgt durch die eigene Sprache (Schreiben oder Sprechen), nicht durch Unterdrückung. Und das Problem wird unterdrückt, wenn es nicht ausgesprochen werden kann. Was nicht ausgedrückt wird, bleibt im Kopf und blockiert das Verarbeitungszentrum, welches auch als limbisches System bekannt ist.

Schlimmstenfalls werden die Emotionen abgespalten oder aber sie speichern sich in gewissen Körperstellen ab.

Wenn statt einer interessierten Frage Tipps und Ratschläge erfolgen, blockiert der Verstand (Frontkortex) automatisch und das Herz leidet. Nicht umsonst heißt es Gesprächstherapie. Und auch in allen anderen bekannten Therapieerfahren, wird darauf geachtet, dass der Klient sich erstmal Luft verschaffen kann, indem er alles auspackt und erzählen kann, was in seiner Seele lastet. Der Therapeut wiederholt oft nur Gesagtes (paraphrasiert) oder fragt nach, um sein Gegenüber zu verstehen. Auch verbalisiert er emotionale Erlebnisinhalte, indem er diese in eigene Worte kleidet. Ein Therapeut glänzt durch Anwesenheit und durch Empathie.

Empathie vs. Übergriffigkeit

Was ist Empathie eigentlich?

Empathie beschreibt die Fähigkeit sich in den anderen hinein zu versetzen.

Und um diese Fähigkeit zu erlangen, sind einige Dinge erforderlich, die man im Übrigen auch lernen kann. (Auch in meiner Praxis – siehe HIER)

  • Präsent sein, da sein, anwesend sein
  • Augen bzw. Blickkontakt
  • achtsames und aufmerksames zuhören
  • gezieltes, interessiertes nachfragen
  • Wertfreiheit (Neutralität) – radikale Akzeptanz dessen, was der andere gesagt hat
  • spiegeln (ggf. wiederholen, was der andere gesagt hat)
  • offene, wertschätzende Haltung (wie man dem anderen gegenüber tritt)
  • Gefühle verbalisieren und ggf. auch zum Ausdruck bringen

Und was ist Empathie auf keinen Fall? (Was ist Übergriffigkeit?)

Übergriffig ist es, wenn man versucht das Erleben des anderen zu verändern.

In Situationen, wo es eigentlich darum geht Nähe zu uns selbst und anderen zuzulassen (oder ganz einfach empathisch zu sein), weichen wir gerne auf übergriffige Verhaltensweisen aus, die wir erlernt haben (die uns auch vorgelebt wurden). Das fühlt sich zunächst sicher an, wir können das Geschehen kontrollieren. Doch in Wirklichkeit blockieren wir damit die Verbindung zu uns selbst und zu unserem Gegenüber und trennen uns von unseren Gefühlen ab. Zudem verlassen wir den Kontakt auf Augenhöhe und nehmen eine überlegene Position ein. Wir wollen das, was andere erleben, in unserem Sinne verändern, weil uns das, was der andere sagt häufig überfordert oder gar triggert.
Wir meinen zu wissen, was gut für andere ist. Und gleichzeitig nehmen wir ihnen die
Chance ihre Probleme selbstverantwortlich zu lösen.

Beispiele:

  • Ratschläge (Ich finde, du solltest)
  • Vorwürfe, Vorhaltungen(Warum hast du nicht?)
  • Ablenken, Verharmlosen, (Das ist gar nichts, hör mal, was mir passiert ist)
  • Belehren (Das kann sich nur ändern, wenn du…)
  • Trösten oder Beschwichtigen (Das war doch kein Fehler, du hast dein Bestes getan)
  • Mitleid (Du armer, Du hast es aber auch schwer)
  • Sympathie (Ich weiß, was du fühlst, das kenne ich auch)
  • Verhören, analysieren (Wann hat das angefangen?)
  • Argumentieren, In Frage stellen (So ist es nicht gewesen, das kannst du so nicht sagen, das war ganz anders)
  • Ermutigung (Komm lass den Kopf nicht hängen)

Man könnte diese Art zu kommunizieren auch als narzisstisch oder egozentrisch bezeichnen, muss man aber nicht.

Gut gemeint ist nicht gut.

Jana und Hauke sind viel zu nah dran. Jana und Hauke sind zu sehr mit ihren eigenen Geschichten in Kontakt. Gleichzeitig sind sie mit Elvira emotional verbunden. Sie leiden mit und können sich kaum abgrenzen. Sie wollen Elvira einerseits helfen, andererseits aber selber nicht zu sehr leiden. Statt sich also Elviras Leid anzuhören, geben sie viel lieber Tipps. Sie sind in dem Falle auch leider nicht mehr empathisch, denn Empathie heißt mitfühlen und verstehen, jedoch nicht mitleiden und Ratschläge verteilen.

Erklärungen sind also gut gemeint, aber nicht gut.

Jemandem etwas zu erklären, vom eigenen Standpunkt her, gleicht einem Ratschlag und lässt das Herz kalt. Besser wäre es aktiv zuzuhören und achtsam (interessiert) nachzufragen und dem Gegenüber die Gelegenheit zur Selbstreflexion zu ermöglichen. Da kann man es noch 10x so gut meinen, es kommt einfach nicht an. Mehr noch sind Missverständnisse und Frustrationen vorprogrammiert.

Fazit: Gute Zuhörer sind empathisch, Ratgeber dagegen eher übergriffig

Elvira braucht niemanden, der ihr die Lösung verrät, sondern jemanden, der sie auf dem Weg zu ihrer eigenen Lösung begleitet. Gute Freunde und liebe Verwandte eignen sich also ganz schlecht als Berater oder Therapeuten. Sie selber sind emotional viel zu nah dran und werden durch Elviras Erzählungen selbst getriggert, was sie dazu verleitet, Tipps auszusprechen, statt aktiv zuzuhören. Aber das ist genau das, was Elvira in dem Moment braucht. Sie braucht einen guten Zuhörer und keinen schlechten Ratgeber.